Zweifelhafte Entlassung

Heute erreichte uns ein Bericht von unserem Projektleiter in Kenya über eine nicht weltbewegende, jedoch voraussehbare Tragik, die sicherlich Überlegungen rechtfertigt.“Man meldete mir gestern während des Creative Writing Unterrichts, dass eine Insassin, die nie an unseren Programmen teilgenommen hat, um ein Gespräch bittet. Wir begrüßen uns. Sie findet jedoch den Mut nicht, mir ihr Ansinnen vorzutragen. Eine äußerst gesprächige Insassin aus Nigeria überbrückt den Moment. Ich bin die Pressesprecherin von Ann, Mister Peter, bitte hören Sie, was Ann zu sagen hat. Ann nickt immer wieder zustimmend während des Monologs. Die Frau aus Lagos sorgt aufgrund ihrer ungeschönten Ausdrucksweise oft für Heiterkeit.
Mister Peter, Ann wird nach 20 Jahren und sechs Monaten am 4. Dezember entlassen.
Oh, wollte ich sie unterbrechen und sagen, das wäre dann auch mein Geburtstag. Energetisch verhinderte sie dies und während den folgenden 10 Minuten, legte sie die Angelegenheit in ihrem blumigen Sprachmix dar.
Ihre Familie hat sie abgeschrieben. Niemals erhielt sie Besuch von einem Leibeigenen, nur ihre leicht behinderte Tochter sei einige Male gekommen und zu ihr wird auch hingehen, um sich um sie zu kümmern.Die Frau aus Lagos schilderte daraufhin anschaulich, wie die beiden in einer für Ann völlig fremden Umgebung zu überleben versuchen werden. Leider entspricht dieser Tatbestand der Realität.
Als dann, nachdem auch das Echo der Sprachgewandten den Raum verlassen hatte, fragte ich. Wie kann ich helfen? Angetan von der Redefreiheit ihrer langjährigen Freundin war es nun Ann, die um einen kleinen Koffer bat. Sie habe in einem Kurs gelernt, wie man Kleider näht und ebensolche möchte sie mitnehmen.Die Unterhaltung driftete dann in Erwähnung der überall lauernden wahren Wirklichkeit. Politische Unruhen, El Nino, Inflation und so weiter. Realitäten, die nicht nur das Überleben von Ann und ihrer Pressesprecherin, gar der gesamten Menschheit, infrage stellen könnten.”
Nairobi im September 2026







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